Bewegungssteuerung, Full HD, 4K, HDR, Virtual Reality – die technischen Errungenschaften der vergangenen zwei Dekaden machen unsere Herzensangelegenheit Videospiel stetig immersiver und opulenter. Und trotzdem gibt es ihn, den Retro-Hype. Dieses Verlangen, einen Blick zurückzuwerfen in die frühen Tage des Gaming, wo virtuelle Abenteuer häufig noch vergleichsweise simpel gestrickt, Bildschirme klein und Pixel begrenzt waren.

 

Mit Retro-Konsolen sind schon so einige Hersteller auf Gold gestoßen. Die kleinen Nachbauten ihrer klobigen Originale aus dem vergangenen Jahrtausend sollen alte Schätze und Klassiker unserer Jugend zurückbringen und – wo angebracht – an aktuelle technische Gegebenheiten anpassen. Doch konnten die populärsten Retro-Konsolen der letzten Jahre meinen Nostalgiehunger wahrhaftig stillen?

Die populärsten Retro-Konsolen

#1: Nintendo Classic Mini: Nintendo Entertainment System

Mit der Miniaturversion seiner ersten Heimkonsole hat Nintendo im Jahr 2016 den richtigen Nerv getroffen. Die mit 30 vorinstallierten Spielen versehene Retro-Konsole brachte zahlreiche Abenteuer der 8-bit-Ära in HD und flüssigen 60-Hertz-Bildraten zurück, darunter Titel klassischer Spielereihen wie Super Mario, The Legend of Zelda, Metroid und Donkey Kong. Frei setzbare Speicherpunkte machen die nach heutigen Gesichtspunkten mitunter doch sehr kniffeligen Spiele dabei deutlich zugänglicher. Die Übertragung via HDMI sorgt für ein knackigeres Bild. Für größeren Retro-Flair sorgen ein zuschaltbarer Röhreneffekt (CRT-Filter), eine Anschlussmöglichkeit für echte Röhrenfernseher fehlt allerdings, was mir als Purist dann doch etwas sauer aufstößt.

#2: Nintendo Classic Mini: Super Nintendo Entertainment System

Wenn ein Retro-Gerät Nintendos erste Miniaturkonsole übertreffen konnte, dann natürlich der Nachfolger aus eigenem Hause: Schon 2017 folgte das SNES Mini. Die Spielauswahl fiel dabei mit nur 20 bekannten Titeln noch einmal deutlich geringer, für 16-bit-Enthusiasten aber wieder einmal ausgesprochen exquisit aus. Und als Bonus gab’s das nie zuvor veröffentlichte Star Fox 2 als Kuriosität dazu. Zudem lassen sich bunte, nach Belieben auswechselbare Bildschirmrahmen aktivieren. Ein Manko: Der volle Multiplayer-Spaß alter Zeiten kommt nicht auf, durch die beiden beigelegten Controller lassen sich Multiplayer-geeignete Spiele aber zumindest zu zweit spielen. Unterm Strich ist das SNES Mini Nostalgie pur – Daumen hoch!

#3: PlayStation Classic

Ebenfalls 20 vorinstallierte Spiele bringt die frisch am 3. Dezember 2018 veröffentlichte PlayStation Classic aus dem Hause Sony mit. Das Unterfangen darf allerdings als nur mäßig gelungen bezeichnet werden: So krankt die Spieleauswahl trotz vorhandener Klassiker wie Final Fantasy 7, Metal Gear Solid, Resident Evil und Tekken 3 an einer gewissen Kult-Armut – wo ist etwa ein Tony Hawk’s Pro Skater, wo ein Crash Bandicoot? Auch die eigentliche Emulation der Spiele läuft mitunter nicht ganz rund und teilweise sogar nur in 50 Hz. Dennoch: Als kleine Retro-Kuriosität und Erinnerung an die frühe 3D-Ära der Videospiele ist die PlayStation Classic durchaus einen Blick wert.

Wie stehen die Chancen auf ein Nintendo 64 Mini?

Eine Miniaturversion des Nintendo 64 wäre der logische nächste Schritt. Doch steht eine entsprechende Ankündigung durch den japanischen Traditionskonzern noch aus. Und das möglicherweise aus gutem Grund: Wie etwa die PlayStation Classic gezeigt hat, ist die Optik früher 3D-Spiele gar nicht mal so gut gealtert, wie die Sprite-basierten 2D-Abenteuer der vorherigen Generationen. Ebenfalls wären die Spiele des Entwicklerstudios Rare elementar für das Gelingen eines N64 Mini – da die britische Spieleschmiede aber längst zum Konkurrenten Microsoft gehört, ist ein Auftreten von Banjo-Kazooie & Co einigermaßen unwahrscheinlich. Und eines steht fest: Ohne Banjo, ohne mich!

Kuriosität: Das Neo Geo Mini

„Echten“ Spielhallenflair bringt das Neo Geo Mini von SNK. Die Retro-Hardware kommt doch tatsächlich im Gewand eines miniaturisierten Arcade-Automaten daher – inklusive funktionierendem 3,5-Zoll-Bildschirm, Knöpfen und Joystick. Wer möchte, kann das Gerät natürlich ebenfalls via HDMI an einen Fernseher anschließen und die 40 vorinstallierten Spiele auf der großen Mattscheibe erleben – hier allerdings in arg verwaschener Optik. Das Spielen auf dem integrierten Bildschirm ist da definitiv ansprechender, aufgrund des kleinen Screens und der dezent fummeligen Bedienung allerdings auch nicht allzu angenehm. Auch diese Retro-Konsole ist damit eher etwas für das heimische Kuriositätenregal als für abendfüllende Arcade-Abenteuer.

Retro-Konsolen mit Modulslots und ROM-Support

Es müssen nicht immer generische Emulator-Lösungen sein – das zeigen Retro-Konsolen wie das Retron 5 und der Retro Freak, die zahlreiche 8-bit- und 16-bit-Konsolenspiele unterstützen. Und nicht nur das: Geräte dieser Machart bieten mitunter sogar ROM-Support – also die Nutzung virtueller Spieleabbilder. Hier gelangen wir aber auf zunehmend illegales Terrain. Sicher, es lassen sich auch private Sicherheitskopien eigener Spielemodule anlegen und abspielen. Wer aber nicht das Glück hat, noch in Besitz einer umfangreichen Spielebibliothek von anno dazumal zu sein, darf sich schon einmal mit teils horrenden Preisen auf dem Gebrauchtmarkt anfreunden.

Resümee

Insbesondere die Mini-Konsolen von Nintendo und Sony sind nette Stücke für das heimische Sammel- und Kuriositätenregal. Mir als Retro-Enthusiast fehlt in den offiziellen Nostalgieprodukten der Hersteller dann aber doch die gewisse Liebe und Hingabe. Wenn ihr schon ein eigenes, mittlerweile Dekaden altes Gerät in die moderne Zeit holt, liebe Konsolenriesen, warum dann nicht auch mehr Spiele? Ich verstehe schon – die erneute Lizenzierung etlicher Musikstücke macht die Wiederbelebung eines Tony Hawk vermutlich zu kostspielig.

 

Doch warum gebt ihr uns nicht die Möglichkeit, zumindest lizenzrechtlich abgeklärte Spiele über das Internet zu erwerben und auf der Mini-Konsole zu erleben? Wenn es nur die großen Klassiker über die Zeit schaffen (und davon nicht einmal alle), ist es jedenfalls schlecht bestimmt um die Erhaltung unserer Videospielkultur. Und dazu gehört für mich auch, dass ich so eine Minikonsole an meinen heimischen Röhrenfernseher anschließen kann. Das Ding verstaubt hier schließlich nicht ohne Grund!

Luis Kümmeler ist seit einigen Jahren als freier Autor tätig und hat für Online-Magazine wie PC-Games, Giga und VR-World geschrieben. Von den staubigen Retro-Spielen der Neunzigerjahre bis zu den immersiven „Virtual Reality“-Abenteuern der aktuellen Zeit deckt seine Spielleidenschaft (fast) alles ab.